Wir sind also bei der Diskussion angelangt, ob man Werk und Autor trennen sollte oder nicht.
Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich ein großer Harry Potter Fan bin. Es ist aber leider kein Geheimnis, dass die Autorin J. K. Rowling in den letzten Jahren einige unschöne Kommentare von sich gegeben hat. Als Fan, wie ich es einer bin, will man Harry Potter nicht verlieren, man will aber auch nicht so einer Frau Plattformen und Möglichkeiten geben, ihren Mist zu verbreiten.
Nun steht also das Computerspiel Hogwarts Legacy in den Startlöchern und mehrere Computerzeitschriften und Blogger haben bereits angekündigt, darüber nicht zu berichten, es nicht zu testen, es also zu boykottieren. Ich verstehe auf einer emotionalen Ebene, dass manche Menschen das tun wollen, aber andererseits arbeiten bei einem Computerspiel dutzende, wenn nicht hunderte Personen mit, die natürlich allesamt auf einen Erfolg hoffen, um Geld zu verdienen. Bekommt J. K. Rowling auch etwas davon? Ja, einen einstelligen Prozentsatz. Hat sie aber an dem Computerspiel mitgearbeitet? Nein. Die Macher hatten absolute künstlerische Freiheit und somit kann, streng genommen, dieses Computerspiel nicht als Werk von J. K. Rowling bezeichnet werden. Außerdem: Wenn alle das Spiel boykottieren, damit J. K. Rowling nicht ihre Prozente erhält, lässt sie das total kalt, weil sie schon Milliardärin ist. Die einzigen, die wirklich leiden, sind die Entwickler des Computerspiels. Und man selbst, weil man vielleicht ein großartiges Spiel verpasst.
Natürlich kann man dem Computerspielstudio vorwerfen, genau gewusst zu haben, dass dieses Risiko besteht und es in Kauf genommen zu haben. Entsprechend hält sich dann auch das Mitleid bezüglich verlorenem Geld wegen Boykott in Grenzen.
Im Grunde aber läuft es darauf hinaus, dass jeder seinem eigenen Gewissen folgen soll. Ich werde niemanden verurteilen oder kritisieren, weil er dieses Spiel boykottieren will.
Es ist sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, Werk von Autor zu trennen, denn Kunst entsteht nun mal nicht im luftleeren Raum. Die Ideen, Gedanken, Motivationen dafür kommen irgendwoher. Andererseits kann man immer das Beispiel von Richard Wagner heranziehen. Er war Antisemit. Aber seine Musik ist nicht antisemitisch, wird sogar heute noch in Israel aufgeführt. Und in seinem Buch Der Tod des Autors plädiert Roland Barthes dafür Texte immer losgelöst vom Autor zu betrachtet, denn der Leser erschaffe den Text und nicht der Verfasser. Aber mit J. K. Rowling kommt eine weitere Dimension hinzu, denn seit jeher nutzt sie ihre Bekanntheit und ihre finanziellen Ressourcen für ihren politischen Aktivismus. Wenn man also etwas mit ihrem Namen drauf kauft, unterstützt man das ganz direkt. Entsprechend stellt sich natürlich die konkrete Frage, ob man 20 Jahre altes Material nicht langsam in die Mottenkiste werfen sollte.
Was nun dieses Computerspiel betrifft, ist es in meinen Augen eine neue, spannende Geschichte in der Welt, die Fans so gern haben, aber frei vom Rowling-Ballast, denn sie arbeitet hier nicht mit, es ist also nicht ihr Werk. Und wie gesagt würde hier ein Boykott eher die ganzen Mitarbeiter bestrafen und die intendierte Person gar nicht berühren. Eine andere Diskussion betrifft ihre neuen Bücher und Filme, die definitiv als „ihr Werk“ bezeichnet werden können. Da sehe ich einen Boykott viel eher als berechtigt und nachvollziehbar. Dennoch kommt jetzt der neue Film Phantastische Tierwesen 3: Dumbledores Geheimnisse in die Kinos und die einzigen Boykott-Aufrufe, die ich dafür mitbekommen habe, stammen von Johnny Depp Fans.
Aber um auf die Anfangsfrage zurückzukommen, darauf habe ich leider, wie niemand, eine zufriedenstellende Antwort. Wenn wir alles entfernen, was von einem „problematischen“ Künstler stammt, wird wohl nicht mehr viel übrig bleiben. Aber erinnern bedeutet nicht glorifizieren, das sollte man nie vergessen.
Für mich persönlich hängt es auch von der Schwere der Problematik ab. Ich bin gegen jeglich Sekte und verabscheue Scientology, dennoch finde ich die Filme von Tom Cruise super und werde sie auch weiter schauen. Andererseits habe ich bei Liedern von Michael Jackson immer sofort bestimmte Bilder im Kopf und da schalte ich immer gleich wieder aus. Ebenso werde ich keinen Film von Roman Polanski mehr anschauen. Aber das sollte jeder mit seinen eigenen Moralvorstellungen und seinem eigenen Gewissen abgleichen. Ich finde es nicht inkonsequent, wenn man nach persönlichen Kriterien gewichtet und sich in jedem Einzelfall mal für Boykott oder mal dagegen entscheidet. Menschen sind vielschichtig, sie sind nicht nur gut, sie sind nicht nur böse. Künstler sind auch nur Menschen. Bei machen Dingen kann man ein Auge zudrücken, bei machen eben nicht.
Und was die Frage im Titel betrifft? Ich werde dieses Computerspiel nicht boykottieren.
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