Chaos.
Von Donald X. Vaccarino (ca. 45-90 Min.; 1-5 Spieler)
Moon Colony Bloodbath bricht radikal mit einer der wichtigsten Grundregeln moderner Brettspiele: Dem belohnenden Gefühl, sich über die gesamte Spieldauer etwas Bleibendes aufzubauen. Der für das Kennerspiel des Jahres nominierte Titel wirft die Spielenden in das Szenario einer vermeintlich perfekten Mondkolonisation, die jedoch im Laufe einer Partie unweigerlich in einer mechanischen und personellen Katastrophe mündet. Wo andere Spiele mit „Engine-Building“ auftrumpfen, zwingt dieser Titel sein Publikum in ein schmerzhaftes „Engine-Losing“, bei dem man zusehen muss, wie das eigene Werk systematisch dem Erdboden gleichgemacht wird.
Das Spielprinzip basiert auf einem zentralen, gemeinsamen Ablaufstapel, der von allen Beteiligten genutzt wird und die Runden strukturiert. Zu Beginn ist die Welt auf dem Mond noch in Ordnung. Der Stapel besteht fast nur aus „Arbeitskarten“, die es jedem erlauben, Ressourcen wie Geld oder Nahrung zu generieren, Kolonisten anzuwerben und neue Gebäude wie Hotels oder Minen in der eigenen Auslage zu errichten. Diese Gebäude bringen wertvolle Soforteffekte oder dauerhafte Vorteile. Doch die Idylle trügt, denn parallel mischen die Spielenden über gezogene „Problemkarten“ immer neue Katastrophen, bürokratische Hürden und vor allem Amok laufende Roboter in denselben Stapel. Wird im weiteren Verlauf eine solche Karte aufgedeckt, betrifft der negative Effekt schlagartig alle Kolonien gleichzeitig. Die Roboter fangen an, die mühsam errichteten Basen wieder abzubauen, während Unfälle und Hunger die Bevölkerung unaufhaltsam dezimieren. Das Spiel endet bitterböse, sobald die erste Kolonie komplett ausgelöscht wurde oder das 13. Ereignis eintritt. Es gewinnt schlicht die Person, die am Ende noch die meisten Überlebenden vorweisen kann.
Wer sich an diesen Tisch setzt, muss zwingend akzeptieren, mühsam erworbene Karten und mühsam aufgebaute Strukturen ständig wieder komplett zu verlieren. Das Spiel verzeiht kein klammerndes Festhalten an der eigenen Auslage. Jede mühsam optimierte Produktionskette ist nur temporär und kann schon in der nächsten Runde durch einen Systemfehler der Roboter in Schutt und Asche gelegt werden. Wer diese psychologische Hürde nicht überspringen kann und eine klassische, belohnende Wirtschaftssimulation erwartet, bei der das eigene Imperium von Runde zu Runde wächst, wird unweigerlich von tiefem Frust überwältigt werden. Moon Colony Bloodbath zieht seinen Spielspaß nicht aus dem Triumph des Erschaffens, sondern aus dem bittersüßen Management des unaufhaltsamen Verfalls und der Frage, wer den unbarmherzigen Abwärtstrend am geschicktesten hinauszögern kann.
Moon Colony Bloodbath ist ein hochgradig unkonventionelles und mechanisch faszinierendes Taktikspiel, das die Brettspiel-Community spürbar polarisiert. Die Kombination aus kooperativem Deckbau für den Ablaufstapel und dem kompetitiven Überlebenskampf im eigenen Tableau erzeugt eine dichte, beklemmende Atmosphäre. Das namensgebende Blutbad bleibt auf dem Material zwar angenehm abstrakt, der spielerische Verlustschmerz ist dagegen absolut real. Wer die emotionale Reife besitzt, dem eigenen Untergang mit einer Portion Galgenhumor zu begegnen und das unvermeidliche Wegbrechen der eigenen Karten als zentrales Taktikelement versteht, erlebt ein herrlich frisches und angenehm unbarmherziges Weltraum-Abenteuer.
Fazit: Empfehlenswert.
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Mit südkoreanischen Genre-Produktionen hat Netflix in den letzten Jahren immer wieder Maßstäbe gesetzt, und das im Sommer veröffentlichte Historien-Spektakel The East Palace (Originaltitel: Donggung) steht da in nichts nach. Regisseur Choi Jung-kyu inszeniert hier eine achteilige Miniserie, die das traditionelle, oft starre historische Period-Drama (Sageuk) radikal aufbricht und mit brutalem Okkult-Horror, schamanischen Mythen und rasanter Action anreichert. Das Ergebnis ist eine visuell berauschende, erzählerisch jedoch gelegentlich überladene Achterbahnfahrt in die tiefsten Abgründe der fiktiven Joseon-Dynastie.
Inhalt: In einer nahen Zukunft, in der ein KI-gestütztes Gerichtssystem Verbrechen blitzschnell verhandelt, wird ein Detektiv beschuldigt, seine Frau ermordet zu haben, und vor die künstliche Richterin Maddox gestellt. Er hat nur wenig Zeit und begrenzte Ressourcen, um gegen eine Masse digitaler Beweise anzukämpfen, seine Ermittlerinstinkte einzusetzen und die Wahrheit aufzudecken. Während er tiefer gräbt, entdeckt er verborgene Hinweise in Überwachungsvideos, sozialen Netzwerken und Datenmustern.
Next Station London beweist, dass moderne „Flip-and-Write“-Spiele kein kompliziertes Regelwerk brauchen, um strategischen Tiefgang zu erzeugen. Der für den renommierten Spiel des Jahres nominiert gewesene Titel von Matthew Dunstan wirft die Spieler direkt in die Rolle von Verkehrsplanern, die das legendäre U-Bahn-Netz der britischen Hauptstadt neu entwerfen sollen.
Inhalt: In den 1920er-Jahren arbeiten die Minions in Hollywood in der Filmindustrie. Da sie ihren eigenen Monsterfilm drehen wollen, beschließen sie, ihre eigenen Kreaturen zu erschaffen. Bald müssen sie den Planeten jedoch von ihrem eigenen Chaos retten.
Qork erweist sich als ein extrem rasant ausgetragenes Reaktionsspiel, das das klassische Konzept bewährter Partyklassiker in ein modernes Gewand kleidet. Das Spielprinzip ist denkbar unkompliziert und lässt sich in wenigen Sekunden erklären, erfordert von allen Beteiligten jedoch ununterbrochene Aufmerksamkeit. Eine Person übernimmt die Rolle des Würfelnden und schüttelt zwei große Würfel in einem Becher, während alle anderen Mitspielenden einen kleinen Korken an einer Schnur auf einer zentralen Matte in der Tischmitte platzieren. Sobald der Becher gelüftet wird und die Würfel entweder einen Pasch oder die Summe sieben zeigen, muss der Würfelnde den Becher blitzschnell auf die Matte schlagen, um die Korken einzufangen. Die anderen Personen müssen im selben Bruchteil einer Sekunde reagieren und ihre Korken an der Schnur in Sicherheit ziehen. Wer gefangen wird oder fälschlicherweise bei einem falschen Würfelergebnis voreilig an der Schnur zieht, kassiert Minuspunkte.
Mit seinem Bestseller
Mit Blutopfer schickt Netflix eine neue schwedische Miniserie ins Rennen, die sich im Kern als klassischer, düsterer Nordic-Noir-Thriller präsentiert. Aufgeteilt in fünf Episoden entfaltet die Produktion eine recht solide Grundspannung und versucht, das Rad des Genres zwar nicht komplett neu zu erfinden, aber dennoch mit bekannten Mustern zu spielen.
