Buch: Schami, Rafik – Die dunkle Seite der Liebe

Ein Mosaikbild Syriens, wobei jeder Mosaikstein eine kleine Anekdote ist.
Inhalt: Das Buch erzählt von der Blutfehde zwischen den Clans der Muschtaks und der Schahins, von verbotener Liebe und politischen Wirren.
Das Buch erzählt grundsätzlich die Geschichte der beiden Clans über mehrere Generationen hinweg, wobei dies jedoch Episodenhaft, Anekdotenhaft geschieht. Jedes Kapitel ist recht kurz, 2-6 Seiten lang, und erzählt eine kleine Episode. Man kann theoretisch das Buch in der Mitte aufschlagen und ein Kapitel lesen. Als Anekdote wird es einem sicher in Erinnerung bleiben, jedoch ohne Kontext werden einem die Namen nichts sagen.
Ich bin nicht ganz sicher, was ich von diesem Buch halten soll. Hätte ich es damals vor der Syrien-Krise gelesen, hätte ich es wohl mit anderen Augen betrachtet. Doch jetzt wirkt es so fehl am Platz, irgendwie propagandistisch. Aber das ist es keinesfalls. Ich tue mich sehr schwer hierüber irgendetwas zu schreiben.
Die dunkle Seite der Liebe ist eigentlich Romeo und Julia in Syrien, nur viel extremer. Wenn man das Buch liest, hat man das Gefühl, dass es keine einzige Frau in diesem Land gibt, die Glück in der Liebe hatte. Katholische Christen, Orthodoxe Christen, Muslime, Juden, allesamt hassen sich gegenseitig und wehe eine Tochter verfällt einem Jungen der falschen Religion. Die Anzahl der Ehrenmorde in diesem Buch macht schon Game of Thrones Konkurrenz. Und wenn eine Tochter in ihrer Religion bleibt, wird sie meistens zwangsverheiratet. Es gibt durchaus einige Mädchen, die sich in einen Jungen der eigenen Religion verlieben und es so schaffen der Zwangsheirat zu entgehen, doch da entpuppt sich der Mann anschließend immer als A***. Nur eine einzige Frau im gesamten Buch wird glücklich und der Autor schreibt sogar, dass dann das ganze Dorf verwundert war, wie das geschehen konnte. Und selbst wenn jeder weiß, dass Liebe Unglück bedeutet, versuchen es dennoch alle. – Naja, es gibt schon noch eine zweite erfolgreiche Liebesgeschichte.
Trotz dieses heftigen Themas streut der Autor sehr viel Humor ein, erzählt die Anekdoten witzig und locker. Natürlich, manchmal muss die Atmosphäre düster sein, der Tonfall seriös, aber das ist immer nur kurz und die nächste Episode folgt sogleich. Dazwischen kommen immer wieder historische Episoden, damit man weiß, was politisch gerade los war. Es ist also ein bisschen ein historisches Werk über das letzte Jahrhundert in Syrien, vor Allem aber eine Aufbereitung des religiösen und kulturellen Alltags.
Der Hauptfokus liegt auf den Christen, denn einer der Clans ist Katholisch, der andere Orthodox. Dazu muss man wissen, dass der Autor selbst Christ ist, ein Aramäer, der in Damaskus aufgewachsen ist und 1970 geflohen war. Wenn man den Beginn des Buches liest, hat man das Gefühl, dass nur die Christen brutal sind und Ehrenmorde begehen, aber die Muslime kommen später schon auch noch zum Zug.
Mein Problem mit dem Buch ist der Kriminalfall, der zu Beginn aufgebaut wird, denn es braucht ganze 400 Seiten bis darauf wieder Bezug genommen wird. Das finde ich schade, denn die dramatischen Liebesgeschichten und lustigen Anekdoten sind zwar interessant, aber Spannung gibt es nicht wirklich. Und ab da, also im zweiten Teil des Buches, werden die Anekdoten immer weniger und es ist eigentlich ein Historischer Roman, mit politischen Umwälzungen, Kommunisten, Militärputsch, Gefängnis und Psychiatrie.
Angelika Overath von der Neuen Zürcher Zeitung hat es eigentlich gut getroffen, als sie diesen Roman als „eine Kaskade von Geschichten, ein modernes arabisches Sittentableau“ bezeichnete. Mit jedem neuen Charakter kommt eine neue Geschichte, lernt man das arabische Syrien besser kennen. Obwohl der Autor viel seiner Heimat kritisiert, kommt man dennoch nicht umhin zu bemerken, wie sehr sein Herz noch an Damaskus hängt.
Fazit: Gleichzeitig ein heftiges und lockeres Buch über Syrien, das einerseits viele Vorurteile bestätigt (Ehre, Religiöser Hass), aber andererseits sehr viele Aspekte zeigt, die man sich so nie überlegt hat. Wird man nachher ein Fan von Syrien? Möchte man unbedingt Damaskus besuchen? Sicher nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Kraft der Liebe.

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