Gedankensprung: Es wird zu viel produziert

Je länger ich mich mit dem Englischen beschäftige, desto öfter fällt mir auf, dass es in dieser Sprache Wörter gibt, die einfach viel Treffender sind als die deutschen Varianten. So habe ich bereits einmal das Wort „mindblowing“ in Ermangelung einer deutschen Alternative verwendet. Und heute verwende ich das Wort „Completionist“. Die deutsche Übersetzung wäre ein „Perfektionist“, aber das trifft die Essenz nicht wirklich. Ein Perfektionist ist eine Person, die sowohl in Qualität als auch in Quantität die Perfektion sucht. Ein Completionist hingegen strebt nur eine quantitative Vollständigkeit an. Und so einer bin ich.
Wenn ich eine Serie beginne, will ich die auch abschließen, egal ob im Fernsehen oder als Buch. Wenn ich ein Computerspiel spiele, will ich jeden Winkel erforschen und jedes Item finden, jedes Rätsel lösen und jeden Text lesen. Das Problem ist nun, dass es heutzutage einfach zu viel Zeug gibt. Fast 1.000 neue Gesellschaftsspiele, 1.000 neue Filme und über 80.000 neue Bücher – allein auf Deutsch – kommen jedes Jahr auf den Markt, ganz geschweige von den unzähligen Episoden der verschiedenen Serien und Shows. Wie soll jemand das alles konsumieren können? Das ist doch unmöglich. Uh, das neue Buch von dem Autor; Oh, der neue Film mit dem Schauspieler; Ah, das neue Spiel von dem Designer.
Psychologen sprechen von der „Angst, etwas zu verpassen“ und ja, auf mich traf das zu. Nicht mehr zum Glück, aber es gab eine Phase, in der ich schon ziemlich frustriert war. Ich wollte den Film und die Serie sehen, brauchte aber Zeit für dieses Buch und hatte keinen Partner für jenes Spiel. Man muss sich einfach Mal zurücklehnen und akzeptieren, dass man nicht alles haben kann. Man muss akzeptieren, dass zu viel produziert wird und es unmöglich für einen Menschen alleine ist, alles zu konsumieren.
Bei mir ist es nun so, dass ich damit umzugehen gelernt habe, auch mal etwas zu verpassen und mal etwas abzubrechen, wenn es einfach schlecht ist. Doch das, was ich beginne, was meine qualitativen Standards trifft, will ich auch vollständig haben. Deshalb habe ich auch letztens sämtliche großen und kleinen Erweiterungen für Cacao gekauft. Ich bin also von einer allgemeinen Vollständigkeit zu einer selektiven Vollständigkeit übergegangen. Vielleicht werde ich mit der Zeit lernen, auch das relativer zu betrachten.
Das aber ändert nichts am grundlegenden Problem, dass zu viel produziert wird. Ich verstehe durchaus, dass jeder gerne etwas kreieren und dann veröffentlichen möchte. Das ist total verständlich. Aber in der heutigen Masse ist es einfach sehr wahrscheinlich, dass dein Werk untergehen wird. Wenn allein auf dem deutschen Markt jedes Quartal (!) fast 20 neue Sci-Fi-Bücher erscheinen, wie soll man sich da effektiv durchsetzen? Du musst einfach so eine hohe Qualität haben, dass der Verlag genügend Potenzial sieht, um in viel Werbung zu investieren.
Wir Konsumenten stehen da vor dem Problem, das zu finden, was uns interessiert. Leider werden wir überfordert und am Ende greifen wir auf das zurück, was wir schon kennen, was uns bekannt vorkommt. Lieber eine bekannte Serie fortsetzen, als etwas Neues riskieren. Lieber einen bekannten Autor, als ein unbeschriebenes Blatt. Nur wenige Kunden nehmen sich die Zeit, sich zu informieren, was es alles gibt, was am ehesten ihren Geschmack treffen könnte. Die meisten laufen ins Geschäft oder klicken auf Amazon und wollen den Kauf schnell abgewickelt haben, ist es doch selten für sie selbst und häufig als Geschenk für jemand anderen. Gerade in solche Momenten greift man lieber zu Bewährtem als zu Neuem.
Andererseits ist es ja gut, dass so viel produziert wird, dass versucht wird allen Geschmäckern etwas zu bieten. Nur leider sind wir nun einer Phase, wo nur noch des Produzieren Willens produziert wird. Wie viele Arbeitsplätze würden verloren gehen, wenn ein Verlag plötzlich sagen würde, es gibt schon genug Bücher und wir veröffentlichen keine mehr? Oder wie könnte sich ein Hollywood-Produzent seine nächste Luxus-Villa finanzieren, wenn er den Markt als gesättigt betrachten würde? Und das wiederum führt dazu, dass in all den Unmengen an Werken, die uns zum Verkauf angeboten werden, auch sehr viel Schrott dabei ist, weil einfach irgendetwas auf den Markt geworfen werden muss.

Fazit: Lehnt euch zurück, trinkt eine Tasse Tee und betrachtet nochmal all die Dinge, die ihr schon habt. Atmet einmal tief durch und akzeptiert, dass ihr nicht jede Neuheit haben könnt und dass es auch gar nicht wichtig ist, alles zu haben. Entspannt euch einfach.

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