Gedankensprung: Weinen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich es als Kind oder Jugendlicher immer peinlich gefunden habe, wenn jemand bei einem Film oder einem Buch weint. Nicht nur war es mir peinlich, sondern voll und ganz unverständlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir je irgendwo eine Träne gekommen ist, sei es als Kind bei Bambi oder Jahre später bei Titanic. Tatsächlich haben wir letzteren Film mal in der Schule geschaut und als da die Mädchen geweint haben, musste ich mir ein Lachen ordentlich verkneifen. Der erste Film, an den mich entsinne, der mich emotional bewegt, aber immer noch nicht zu Tränen gerührt hat, war Braveheart. Es war für mich immer total klar, dass ich nicht weine. Ich war sogar ein bisschen stolz darauf. Doch dann verließ ich nach dem Schulabschluss meinen Heimatort und zog in die Großstadt um zu studieren. Ich hatte nun keine Familie und keine Schulkollegen mehr, die mich beeinflussten, geschweige denn bei dem mitdiskutierten, was ich schauen sollte. Ich war frei und entdeckte das Binge-Watching, also Serienmarathone. Das führte dazu, dass ich mich in Charaktere und deren Entwicklung viel intensiver reinsteigerte als früher. Die logische Konsequenz: Ich war emotional viel gebeutelter als gewohnt, wenn mit denen etwas geschah. Konkret waren es Animes, die mich das Weinen lehrten. Ich weiß auch nicht, weshalb das so ist, aber Animes, die guten, nicht die kommerziellen Mainstream-Serien, schaffen es, Gefühle, Melancholie und Trauer viel besser zu vermitteln als irgendwelche Schauspieler. Ich schäme mich überhaupt nicht zuzugeben, dass ich manchmal weine, denn ich habe gemerkt, dass das für mich eine extrem angenehme kathartische Wirkung hat. Irgendwie sieht man die Welt klarer, wenn das alles draußen ist. Mir geht das zumindest so.
Es ist jetzt nicht so, dass ich ständig bei jeder Lappalie weine, aber wenn ich wieder mal einen Marathon beginne und mich in etwas reinsteigere, dann können durchaus die Tränen fließen. So auch bei der einzigen Buchserie, die ich je in einem Stück durchgelesen habe, nämlich Harry Potter. Aber auch, wenn ich einen Film in Ruhe ohne Störung schauen kann, dann kann ich mich durchaus reinsteigern und auch zu Tränen gerührt werden.
Ich glaube also nicht, dass ich früher ein Roboter war, der erst später einen Emotionschip implantiert bekommen hat. Es ist einfach so, dass ich vor meiner Studienzeit nie die Gelegenheit hatte, mit fiktiven Charakteren eine derart intensive Beziehung aufzubauen, dass mich ihr Schicksal irgendwie bewegt hätte.

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