Gedankensprung: Die Kickstarter-Lüge

Ich habe mittlerweile einige Spiele gespielt, die über Kickstarter produziert wurden und ich war mit keinem einzigen zufrieden. Zugegeben, die großen bekannten Spiele wie Blood Rage, Skythe, Gloomhaven oder 7th Continent habe ich noch nicht gespielt, aber das würde nichts an dem ändern, was ich mich daran stört.
Für die, die Kickstarter nicht kennen: Das ist eine Crowdfunding-Plattform. Menschen stellen also ihre Projektideen online und wenn genug Geld gesammelt wird, wird es realisiert, oder eben nicht und Geld zurück. Speziell im Brettspiel-Bereich ist es sehr beliebt geworden. Autoren, deren Spiele von Verlagen aus verschiedensten Gründen – Qualität, zu viel Material, Thema – nicht genommen werden, versuchen sie über Kickstarter alleine und direkt zu veröffentlichen. Dabei werden genau so viele Exemplare produziert, wie Spieler gespendet, also bestellt haben. Es gibt auch Verlage, die durch dieses Medium die erste Auflage eines neuen Spiels finanzieren und bei genug Interesse weitere Auflagen traditionell aus eigener Tasche für den Großhandel produzieren.
Das System ist eigentlich eh ganz okay und ich empfinde es als gute Idee. Dennoch hat es ein sehr seltsames psychologisches Phänomen mit sich gebracht: Bedingungsloses Lob. Wenn ich nämlich ein Spiel in einem Geschäft kaufe, habe ich keine wirkliche emotionale Bindung. Wenn es mir nicht gefällt, verkaufe ich es weiter. Ist es als Geschenk noch originalverpackt, dann geb ich es zurück. Außerdem habe ich auch kein Problem damit, es schlecht zu bewerten und die einzelnen Materialien eventuell für andere Dinge zu verwenden. Nicht so bei Kickstarter. Dort haben die Unterstützer das Gefühl, effektiv am Produktionsprozess beigetragen zu haben. Manchmal stehen sogar ihre Namen irgendwo. Das führt dazu, dass diese Leute die Spiele bedingungslos loben.
Mir fällt das immer wieder in meinen verschiedenen Spielgruppen auf. Wenn da jemand mit einem Kickstarter-Spiel kommt, egal wie schlecht es ist, wird er alles daran setzen, etwas positives zu finden. Das ist ja auch irgendwie verständlich, denn man gibt meistens mehr Geld aus als für ein Spiel im Fachhandel und man investiert Zeit und Energie mit Warten und Updates Verfolgen. Wenn dann das Spiel irgendwann kommt, in das man so viel investiert hat, will man auch etwas gutes haben. Man ist ja irgendwie stolz darauf.
Mir geht es ja auch manchmal so, dass ich ein Spiel, einen Film oder ein Buch gut finde, was in meiner Gruppe jedoch auf vollkommenes Unverständnis stößt. Da bin ich dann auch bemüht, meinen Geschmack zu erklären. Das ist ja ganz normal. Bei Kickstarter-Produkten ist es einfach viel eklatanter. Ja, die sind in den letzten Jahren besser geworden, keine Frage. Dennoch gibt es genug Schrott, oder zumindest viele Spiele, die einige grobe Schwächen aufweisen (z.B. unübersichtliches, unvollständiges Regelwerk; unausgeglichene Karten und Charaktere; unnötig lange Spielzüge oder Spielphasen; etc.) . Und trotzdem wird der Großteil der Kickstarter-Unterstützer seinen Besitz verteidigen. Vielleicht gefällt ihnen das Spiel auch wirklich so gut, wer weiß, aber es fühlt sich einfach mehr wie blinder Gehorsam an, wenn ich das erlebe.
Selbst habe ich noch nie etwas bei Kickstarter unterstützt. Spiele sind teuer und wenn ich eines kaufe, will ich es schon einmal gespielt haben oder zumindest genug Informationen gesammelt haben. Bei Kickstarter kaufst du im Grunde blind. Es gibt zwar bei den modernen Projekten ausführliche Beschreibungen und Bilder, aber Werbung ist ja immer super, egal für welches Produkt. Und daher ist bei Kickstarter zu beobachten, dass sehr viel Wert auf die Optik gelegt wird, auf raffinierte Karten und detaillierte Miniaturen. Daher gibt es eine ganze Reihe von Spielen, die optisch fantastisch sind, ein Fest für Miniaturfans, aber kaum eine interessante Mechanik, kaum ein originelles Spielprinzip aufweisen. Es gibt viele Spieler, die damit zufrieden sind, fällt das doch ins atmosphärische Ameritrash. Nicht ohne Grund sind die meisten Leute, die Kickstarter kritisieren, Eurogame-Fans.
Aber ob man Kickstarter jetzt mag oder nicht, ich finde es jedenfalls bedenklich und sogar ein bisschen unsympathisch, ein schlechtes Spiel zu verteidigen, nur weil man halt darin investiert hat.

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2 Antworten zu Gedankensprung: Die Kickstarter-Lüge

  1. Nerdigo schreibt:

    Warum musste ich beim Lesen Deines Beitrags nur die ganze Zeit an Star Citizen und seine Follower denken?

  2. Pingback: Spiel: Vengeance (Mighty Boards) | Meine Kritiken

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