Den meisten Anime- und Manga-fans wird sicher aufgefallen sein, wie intensiv in diesen Medien Bezug auf Germanische Mythologie und die Griechische Antike genommen wird. Das mag zunächst verwundern, hat aber eine lange Tradition und einen klar definierten Ursprung. Schuld daran sind wie immer die Katholische Kirche und die USA.
Beginnen wir aber beim Anfang, im Jahre 1543, als die Portugiesen als erste Europäer nach Japan kamen. Wie überall auf der Welt lagen Handelsinteressen im Vordergrund, in deren Schatten die christlichen Missionare kamen. Dieser christliche Glaube war es, der dem Shogunat ein Dorn im Auge war, weshalb sich Japan ab 1635 gegenüber dem Ausland für 200 Jahre vollkommen isolierte. Und diese Missionare waren es, die den Grundstein für die Liebe zum Antiken Griechenland legten. Sie benutzten nämlich zum Zwecke der Missionierung die Fabeln des Griechen Aesop. Diese Tiergeschichten hatten einerseits den Zweck, den Einheimischen westliche moralische Werte zu vermitteln, andererseits auch sich gegenseitig Sprache beizubringen. Nach dem Rauswurf der Christen sind die Fabeln jedoch erhalten geblieben, wurden weiter tradiert und regional angepasst.
Zum Beispiel gibt es da die Fabel von den Ameisen und der Zikade. Im antiken Griechenland haben die Ameisen das ganze Jahr Nahrung gesammelt, um den Winter zu überstehen, während die Zikade faul rumlag und am Ende verhungert. In Japan aber wurde es so umgeändert, dass die Zikade am Ende bei den Ameisen aufgenommen wurde und überlebte.
In dieser Zeit der Abschottung waren nur auf einer kleinen Insel Ausländer erlaubt, nämlich in einem kleinen niederländischen Handelsposten. Dorthin kamen viele deutsche Ärzte, die bald großes Ansehen genossen und die Medizin Japans stark beeinflussten. Tatsächlich sind auch heute noch viele medizinische Fachbegriffe dort auf Deutsch in Verwendung.
1853 landeten amerikanische Schiffe in der Bucht von Edo und zwangen Japan, sich wieder international zu öffnen. Japan war aber kein schwaches Land, das sich kolonisieren ließ, im Gegenteil konnte es sich seine Besucher selber auswählen. Dank dieser Ärzte war dann auch Deutschland die erste Adresse für japanische Interessen. Wie es der Zufall nun so wollte, war dies genau jene Zeit, als unter den deutschen Gelehrten sich viele dem Philhellenismus verbunden fühlten. Sie sahen sich als Verteidiger einer großartigen antiken Zivilisation und unterstützen den Freiheitskampf Griechenlands gegen das Osmanische Reich. Diese deutschen Philhellenen gelangten dann nach Japan und sahen sich irgendwie berufen, ihre Liebe zur Antike dort zu verbreiten.
Sehr viel, was die heutige japanische Kultur ausmacht, stammte damals aus Deutschland. Das Schulsystem allgemein basiert auf dem deutschen Gymnasium, die Schuluniform auf dem preußischen Militär. Sogar das japanische Wort für „Arbeit“ – „arubaito“ (kurz: „baito“) – ist eigentlich Deutsch. Es ist auch bezeichnend, dass Altgriechisch sehr bald an höheren Schulen unterrichtet wurde, während Latein erst spät im 20. Jahrhundert nach Japan gelangte.
Das erste Foto eines japanischen Kaisers ist übrigens vom österreichischen Baron Raimund Von Stillfried gemacht worden.
Darin liegt also der Ursprung für die Liebe zu und die Kenntnis von germanischen und griechischen Mythen, Wörtern und Traditionen. Die konkrete Rezeption in Anime und Manga folgt demnächst im zweiten Teil.
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