Gedankensprung: Computerspiele V – Cyberpunk 2077

Noch nie hat mich ein Produkt derart enttäuscht und mir dennoch so viel Spaß bereitet. Wenn mir das Spiel schon trotz der unzähligen Makel so viel Spaß bereitet hat, dann will man sich gar nicht vorstellen, wie grandios eine perfekt produzierte Version hätte sein können.
Es ist schon lange her, seit ich mein letztes Computerspiel gespielt habe (>>hier<<) und es war für mich klar, dass mich nur ein ganz spezieller Titel wieder zum Zocken bringen könnte. Und ich wusste auch schon seit Jahren, dass Cyberpunk 2077 genau dieser Titel sein würde.
Mit viel Vorfreude habe ich also den Erscheinungstermin herbeigesehnt. Als dann klar war, welche Hardware dafür nötig wäre, war auch klar, dass ich das nicht spielen kann. Meine diesbezüglichen Gedanken habe ich damals >>hier<< formuliert. Zum Glück kam Google Stadia und ich musste nichts extra kaufen, nichts aufrüsten. Das war für mich doppelt glücklich, weil ich so einerseits Geld gespart habe, andererseits das Spiel auf den Konsolen unspielbar war und nur auf Computern mit stärkerer Hardware als angegeben funktionierte. Der beste Ort, um Cyberpunk 2077 zu spielen, war dann zu aller Überraschung Google Stadia und tatsächlich lief das Spiel bei mir tadellos, einwandfrei und machte wirklich Spaß. Natürlich gab es auch hier ein paar Bugs, aber nichts spielentscheidendes, nichts spaßminderndes, nur immer mal wieder Einzelheiten, über die man schmunzeln kann.
Ganz im Gegenteil habe ich es genossen durch Night City zu fahren und die Archetiktur zu bewundern oder außerhalb in der Gegend herumzukurven und die Skyline zu bestaunen. Optisch wahrlich ein Meisterwerk, das bei mir auf Stadia perfekt flüssig lief und viel Spaß gemacht hat. Sonst hätte ich das auch nicht in drei Monaten durchgespielt [übrigens habe ich jede Nacht um Mitternacht ca. 1 Stunde gezockt, am Wochenende auch mal mehr, insgesamt aber ca. 150 Stunden].
Nein, das Problem ist der Inhalt. Zunächst wird man bei Spielbeginn ziemlich alleingelassen, ohne Orientierung und nur mit einem Pseudo-Tutorial. Einige Funktionen habe ich bis zum Schluss nicht verstanden, wie man die verwendet. Schließlich aber gewöhnt man sich an den Mechanismus und irgendwann stößt man zufällig auf das, was die Hauptmission iniziiert. Die spielt man dann ein bisschen, sehr spannend, macht Lust auf mehr, doch dann kommt der große Zwist: Cyberpunk 2077 will eigentlich Open World sein, bietet aber einen geradlinigen Plot. Das passt einfach nicht zusammen!
Die Hauptmission erzählt eine Geschichte, die Zeitdruck aufbaut. Im Grunde lautet es: „Wenn du das nicht machst, stirbst du.“ In einer normalen Welt würde ein logisch denkender Mensch also alles andere ignorieren und sich nur darauf konzentrieren. Doch Night City ist ein riesiges Gebiet mit unzähligen Dingen, die man entdecken kann, Nebenmissionen, die man erfüllen kann, Kopfgeldjagden, Verbrechen und Überfällen. Ich habe dann gegen meinen Instinkt rebelliert, die Hauptmission ignoriert und einfach Night City unsicher gemacht. Das hat mir sehr gut gefallen und da ging auch bei Weitem die meiste Spielzeit drauf. Erst als ich da alles geklärt hatte und nur noch ein paar Überfälle übrig waren, kehrte ich zur Hauptmission zurück. Wie gesagt, gefällt mir die nicht schlecht und ist auch durchaus spannend, passt aber nicht in das Open World Konzept.
Zu den Nebenmissionen könnte man so viel sagen, Positives wie Negatives, aber da würde ich nicht mehr fertig werden. Also konzentriere ich mich auf was anderes, denn mein Hauptkritikpunkt sind die Romanzen. Puh, was haben sich die Schreiberlinge dabei nur gedacht? Man kann also das Spiel als Mann oder Frau spielen, hetero- oder homosexuell. Für jede Orientierung gibt es einen eigenen Partner, mit dem man eine Romanze eingehen kann. Wenn ich als heterosexueller Mann spiele oder als homosexuelle Frau, treffe ich meine Partner durch die Hauptmission, kann sie also gar nicht verpassen. Wenn ich hingegen als heterosexuelle Frau oder als homosexueller Mann spiele, muss ich extra die versteckten Nebenmissionen suchen, um meinen Partner zu finden. Ich glaube, das alleine sagt schon viel darüber aus, wer das Spiel entwickelt hat und wer die Zielgruppe ist. Aber darüber kann man dann politisch, philosophisch, moralisch diskutieren, was ich hier nicht will. Mein Problem ist ein anderes, ein konkretes spieltechnisches: Die Romanzen sind extrem schlecht ausgebaut und dadurch auch das Spielende.
Als heterosexueller Mann komme ich mit Panam zusammen; als heteresoxuelle Frau mit River; als homosexuelle Frau mit Judy; als homosexueller Mann mit Kerry. Damit ist das jetzt etwas übersichtlicher.
Problem 1: Das Spiel erkennt nicht früh genug, ob ich kompatibel bin. Als heteresexueller Mann spiele ich dann etwa die Missionen von Judy und River so durch, als würde es zu einer Romanze führen, nur um am Ende zu hören, dass ich nicht ihr Typ bin. Aber weil ich ja alle Missionen abschließen will, spiele ich da halt mit. Man hätte da ruhig ein variableres und adaptiveres Script erstellen können.
Problem 2: Das Spiel bietet dir mehrere Endoptionen, aber wenn du eine Romanze eingegangen bist, gibt es für dich nicht wirklich eine Option. Dass du das Happy End für euch beide wählst ist eh logisch. Ich hätte mir am Ende eine weltbewegende Entscheidung oder zumindest ein Dilemma mit moralischen Grauzonen erwartet, aber die konkret vorhandenen Optionen sind ziemlich banal.
Doch nur wenn du mit Panam zusammen bist, ist klar, welche Route zum Happy End führt. Wenn du mit einem anderen Partner zusammen passt, musst du einfach raten, welche Route dich glücklich macht, oder halt im Internet recherchieren. Hier ein Spoiler: Egal welchen Partner du hast, im finalen Kampf musst du Panam um Hilfe bitten, um das Happy End zu erreichen. Sprich, egal welchen Partner du hattest, die finale Sequenz musst du mit Panam durchspielen. Wenn du dann durch bist und Panam nicht dein Partner ist, kommt jetzt eine kleine Videosequenz, in welcher du deinen Partner triffst. Danach kommt das Abschlussbild, und das finde ich auch etwas dreist, denn egal welchen Partner du gewählt hast, am Ende fährst du mit Panam in den Sonnenuntergang. Wirklich? Da hätten sie nicht vier verschiedene Videosequenzen erstellen können?
Wie gesagt, habe ich als heterosexueller Mann gespielt und somit war es für mich ein absolut zufriedestellendes Finale. Wie sich die Spieler bei diesem Abschluss fühlen, die hingegen ein andere Romanze eingegangen sind, kann ich mir nicht vorstellen, aber mich hätte es wohl geärgert.
Doch dem nicht genug! Nach der Fahrt in den Sonnenuntergang kommen Videogrüße von den verschiedenen Charakteren, die man getroffen hat und die letzte war, in meinem Fall, von Panam. Echt jetzt? Da kämpfe ich so hart mit der ein Happy End zu haben und dann schickt ihr mir ganz am Ende noch so eine Botschaft?! Da habe ich nur noch den Kopf geschüttelt.
Insgesamt hat mir das Spiel gut gefallen, aber weil ich eben sämtliche Nebenmissionen erfüllt und Night City intensiv erforscht habe. Die Hauptmission selbst ist sehr kurz und wenn man die in einem Durchgang spielt, ist der Spielspaß eher gering und das Ende eher enttäuschend. Für interessante Finaloptionen, wie eben einem romantischen Happy End, muss man halt auch die Nebenmissionen spielen.
Aber auch wenn mich dieses Spiel jetzt gut unterhalten hat, kann es meinen beiden Lieblingen Deus Ex und Mass Effect in keinster Weise das Wasser reichen. Also bitte, das muss schon doppelt unterstrichen werden. Im Vergleich dazu ist die Story hier doch sehr banal und die Welt im Hintergrund zu einfach ausgebaut.
Wer also wie ich zu einem Computerspiel greift, um eine tolle Geschichte zu erleben, wird hier eher nicht glücklich werden, wer aber Spaß daran hat die Stadt zu erforschen und zufällige Abenteuer zu erleben, der wird hier viele Stunden sitzen können.
Wie sieht nun meine persönliche Computerspiel-Zukunft aus? Einerseits bin ich ja jetzt bei Google Stadia angemeldet und so juckt es mich in den Fingern, dort aktiv zu bleiben. Anderseits gibt es momentan aber nichts, was mich wirklich reizt. Deus Ex 5 liegt noch in weiter Ferne, ebenso Mass Effect 5. Aber zu Letzterem kam jetzt schon ein Trailer, es wird also schon daran gebastelt. Die wichtigste Info daraus für mich: ME5 wird eine Fortsetzung sowohl von ME3, also auch von ME4. Weil ich aber ME4 wegen schlechter Kritiken noch nicht gespielt habe, werde ich das wohl noch nachholen, bevor der nächste Teil erscheint.

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