Buch: Dalrymple, William – Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600-1874

Spannendes Buch über ein brutales Kapitel der Menschheitsgeschichte.
Das Buch Anarchie erzählt ausführlich, wie die East India Company gegründet und dann über Jahrhunderte hinweg den indischen Subkontinent ausgebeutet hat. Die East India Company hat ihre Finger durchaus in andere Länder und Regionen ausgestreckt, doch das ist hier nebensächlich, dieses Buch fokussiert sich voll und ganz auf Indien. Dass das Buch trotz dieser Einschränkung knapp 600 Seiten dick geworden ist, liegt daran, dass der Autor hier bisher unveröffentlichte Quellen auf Urdu, Persisch und Punjabi verwendet hat, also wirklich auch eine indische Perspektive berücksichtigt hat, was zu einem äußerst faszinierenden Bild geführt hat.
Das Buch beginnt bereits mit dem ersten Satz spannend, holt die Leser sofort ab und lässt sie nicht mehr los: „Eines der ersten indischen Wörter, die in die englische Sprache eingingen, war ein hindustanischer Slang-Ausdruckt für ‚Kriegsbeute‘: loot.“ (S. 9) Man hat also sogar das Wort für „Stehlen“ gestohlen.
Das Buch selbst liest sich spannend wie ein historischer Roman, bleibt dabei aber wissenschaftlich und liefert uns in einem über hundert Seiten starken Anhang Anmerkungen und Nachweise. Da muss ich auch meinen einzigen Kritikpunkt anbringen: Die Landkarten hätten mehr und besser sein können.
Warum dieses Buch aber nicht nur interessant, sondern auch relevant ist, sagt uns der Schlusssatz: „Die East India Company ist bis heute das eindringlichste warnende Beispiel der Geschichte für den potenziellen Missbrauch unternehmerischer Macht … 427 Jahre nach ihrer Gründung ist die Geschichte der East India Company so aktuell wie seit Langem nicht mehr.“ (S. 484)
Anarchie ist jedenfalls ein packend erzähltes Geschichtsbuch, das die Entwicklung eines privaten Handelsunternehmens zur brutalen Kolonialmacht eindrucksvoll nachzeichnet. William Dalrymple gelingt es, den Aufstieg der East India Company als dramatisches Panorama zu schildern, in dem wirtschaftliche Interessen, politische Macht und militärische Gewalt eng miteinander verflochten sind. Besonders spannend ist dabei die Perspektive, dass Indien nicht von einem Staat, sondern von einer gewinnorientierten Firma unterworfen wurde, was dem Buch eine ungewöhnliche und zugleich erschreckend aktuelle Relevanz verleiht.
Die lebendige Erzählweise lässt die historischen Ereignisse fast wie ein episches Drama wirken, ohne dabei an Faktenreichtum zu verlieren. Gleichzeitig sorgt die Einbeziehung indischer Quellen und Perspektiven dafür, dass die Geschichte vielschichtiger und greifbarer wird. Insgesamt ist Anarchie ein beeindruckendes, fesselnd geschriebenes Sachbuch, das Geschichte nicht nur vermittelt, sondern spürbar macht und lange nachwirkt.
Fazit: Sehr zu empfehlen.

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Das Buch wurde dankenswerterweise vom Verlag zu Verfügung gestellt.
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