Interview mit Andreas Brandhorst

Andreas Brandhorst, geboren 1956, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Science-Fiction-Schriftsteller unserer Zeit. Bereits 1975 veröffentlichte er seinen ersten Roman Die Unterirdischen. Von da an war er häufig als Autor von Heftromanen zu finden, betätigte sich hauptsächlich aber als Übersetzer, etwa von Terry Pratchett oder Kevin J. Anderson, sowie von einigen Star-Wars- und Star-Trek-Romanen.
Der große Durchbruch gelang ihm 2004 mit der Kantaki-Serie. Seine Kurzgeschichte Die Planktonfischer wurde 1983 und sein Roman Das Schiff 2016 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet, seine Romane Das Artefakt 2013 und Das Schiff 2016 mit dem Deutschen Science Fiction Preis. Hinzu kommen zahlreiche Nominierungen für verschiedene Preise der fantastischen Literatur.
Seine letzten beiden Romane waren Das Schiff und Omni. Sein neuer Roman Das Arkonadia-Rätsel erschien am 02.05.2017 und im Rahmen dessen hatte ich die wunderbare Gelegenheit, dieses Interview zu führen. Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Meine Kritiken: Guten Tag Herr Brandhorst! Sie zählen zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Science-Fiction-Autoren. Genauer gesagt haben Sie sich auf Space-Sci-Fi spezialisiert. Woher kommt das Interesse dafür? Worin liegt die Faszination für Sie? Was hat Sie bewogen, in diesem Genre aktiv zu werden?

Andreas Brandhorst: Ich staune gern, und gibt es ein größeres Staunen als angesichts der grandiosen Kulisse des Universums und aller seiner Wunder? Ich bin sicher, dass unsere Fantasie nicht annähernd genügt, um uns vorzustellen, was es alles dort draußen in den unendlichen Weiten des Kosmos geben könnte – seine Wunder gehen weit, weit über unsere Vorstellungskraft hinaus. Als Schriftsteller reizt mich die Science Fiction, weil sie die größte aller Bühnen ist, auf der sich alles, wirklich alles zutragen kann.

MK: Ihr neuer Roman heißt „Das Arkonadia-Rätsel“ und spielt im Omniversum. Können Sie uns kurz sagen, worum es dabei geht?

AB: Es geht um Omni, einen Bund von mächtigen Völkern, der in der Milchstraße über die Entwicklung von Leben und Zivilisationen wacht. Und es geht um den fernen Planeten Arkonadia, auf dem es alle 453 zu einem Phänomen kommt, das technologischen Stillstand und Chaos bewirkt. Jasper und Jasmin, bereits bekannt aus dem Roman »Omni«, erhalten von Omni den Auftrag, das Rätsel von Arkonadia zu lösen, und dabei stoßen sie auf ein Geheimnis, das eine Milliarde Jahre alt ist und auch Omni betrifft …

MK: Ich persönlich finde, dass das Omniversum ein sehr spannender Ort ist. Wie sind Sie auf die Idee dafür gekommen? Und können wir weitere Romane von dort erwarten?

AB: Die Sterne in unserer Milchstraße sind nicht alle gleich alt. Manche sind früher entstanden, andere später. Viele Sterne, die so genannten Roten Zwerge, haben eine wesentlich längere »Lebenserwartung« als unsere Sonne. Ich dachte mir: Es ist unsinnig anzunehmen, dass sich Außerirdische auf dem gleichen oder einem ähnlichen Entwicklungsstand wie wir befinden. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es lange vor den ersten Menschen auf der Erde dort draußen im Meer der Sterne bereits hochentwickelte Zivilisationen gab. Das war der Anfang von »Omni«: ein Zusammenschluss von uralten Superzivilisationen, die bereits existierten, als es auf der Erde nur Mikroorganismen gab, und die seit Millionen und Milliarden von Jahren über die Entwicklung des Lebens und von Zivilisationen in der Milchstraße wachen. Das ist der Hintergrund, meine Bühne, mein ganz besonders Universum, in dem ich weitere Romane ansiedeln werde, jeder von ihnen eine unabhängige Geschichte. Der nächste SF-Roman, den ich derzeit schreibe und der im Frühjahr 2018 bei Piper erscheinen wird, hat allerdings nicht das Omniversum als Kulisse. Er beschreibt eine ganze andere Welt.

MK: Was ist Ihnen wichtig, dass die Leser bei Ihren Romanen mitnehmen? Auf was legen Sie beim Schreiben besonders viel wert?

AB: Ein Leser hat mir einmal geschrieben, ich hätte seine Denkweise verändert. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich hatte das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. Es geht mir nicht darum, eine Botschaft zu vermitteln, aber es würde mich freuen, mit meinen Romanen hier und dort zum Nachdenken anzuregen. Ich würde gern einen Sinn für das Staunen vermitteln, den manche Menschen verlieren, wenn sie Kindheit und Jugend hinter sich lassen. Und ich würde meine Leser gern dazu bringen, Dinge infrage zu stellen, denn dadurch öffnet sich der Blick für das Neue. So sind für meine Romanfiguren die Dinge nie so, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Darum geht es mir beim Schreiben in erster Linie: um die Figuren, um die Personen, um ihr Leben – während des Schreibens lebe und leide ich mit ihnen.

MK: Gemeinhin wird ja gesagt, dass gute Science-Fiction immer einen Gegenwartsbezug hat, egal ob nun moralisierend und warnend oder nicht. Wie sehen Sie das?

AB: Literatur, ob Science Fiction oder nicht, dreht sich immer um den Menschen, um sein Leben, um seine Träume und Hoffnungen. Die SF kann den Menschen mit völlig neuen Situationen konfrontieren, mit dem absolut Fremdartigen (oder mit einem mehr oder weniger stark verfremdeten Element unserer Welt), und aus den Reaktionen der Protagonisten darauf, aus ihren Wechselwirkungen mit einer uns heute unvertrauten Umgebung, lassen sich Rückschlüsse für unsere Welt ziehen. SF kann auch direkt warnen oder moralisierend auftreten, aber das muss sie nicht. Wie ich oben schon gesagt habe: Manchmal genügt es, Dinge infrage zu stellen, um den Blick für etwas zu öffnen, das schon heute Aufmerksamkeit erfordert.

MK: Welche Tipps würden Sie jungen Autoren geben, die ebenfalls in diesem Genre aktiv werden wollen?

AB: Ob in diesem Genre oder in einem anderen, mein erster Rat lautet: Schreibt. Regelmäßig. Jeden Tag. Denkt sorgfältig über das nach, was ihr schreibt – nicht auf die Menge kommt es an, sondern auf den Inhalt. Mein zweiter Rat, nicht weniger wichtig als der erste, lautet: Stellt euer Ego zurück. Schreibt nicht, um berühmt zu werden, sondern um eine gute Geschichte zu erzählen. Denkt weniger an euch selbst und mehr an die Worte.

MK: Die Werke von Autoren sind meistens von den eigenen Erfahrungen und Lebensumständen geprägt. Sie haben fast zwanzig Jahre in Italien gelebt. Ein wunderschönes Land mit einer großen Kultur, aber sehr geringer Sci-Fi-Literatur. Denken Sie, dass diese Erfahrung Ihren Schreibstil und Ihre Kreativität beeinflusst hat, als Sie 2003 nach einer fünfzehnjährigen Pause wieder zu schreiben begonnen haben?

AB: Ich habe nicht nur knapp 20 Jahre in Italien gelebt, sondern fast 30. 1984 habe ich mich in der Nähe von Venedig niedergelassen, später auch in der Toskana gelebt, ich kenne Süditalien, Rom und Mailand. 2013 bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Den größten Teil meines Lebens als Erwachsener habe ich im Ausland verbracht, und so etwas prägt natürlich. Meine Sichtweise auf viele Dinge ist anders als die von Menschen, die nur während eines zwei- oder dreiwöchigen Urlaubs andere Kulturen kennenlernen. Ich habe auf Italienisch gedacht, und noch heute kommt es vor, dass ich manchmal, wenn ich auf der Straße angesprochen werde, auf Italienisch antworten möchte. Gelegentlich träume ich noch auf Italienisch. Ich betone das, weil Sprache ein wichtiges Element für die Denkweise ist, was in dem grandiosen Film »Arrival« eine zentrale Rolle spielt. Die dreißig Jahre im Ausland haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Die Antwortet lautet also: Ja, diese Erfahrungen haben nachhaltigen Einfluss auf mein Schreiben und meine Kreativität ausgeübt.

MK: Sie sind ein sehr produktiver Autor. Seit 2004 veröffentlichen Sie jährlich mindestens ein Buch. Wie viel schreiben Sie pro Tag, dass sich das ausgeht? Passiert es Ihnen auch manchmal, dass sie hunderte von Seiten geschrieben haben und dann alles wieder verwerfen?

AB: Ach, so produktiv bin ich eigentlich gar nicht. Es gibt andere Autoren, die weitaus mehr schreiben als ich. Ich schreibe pro Tag drei bis sechs Seiten, was vielleicht nicht nach viel klingt, aber ich schreibe jeden Tag, sieben Tage in der Woche, immer, und das Ergebnis sind dann etwa anderthalb Romane im Jahr. Und ja, es passiert, dass ich einen Roman nach hundert oder mehr Seiten beiseite lege, weil ich mit dem Stoff nicht zufrieden bin, und ganz von vorn anfange. Ich möchte immer mit dem zufrieden sein, was ich schreibe.

MK: Viele unterschätzen die körperliche Anstrengung beim Akt des Schreibens. Wenn man wie Sie so viel schreibt, wird man sicherlich sehr viel Zeit gebückt über einer Tastatur sitzen. Was machen Sie da als Ausgleich? Was machen Sie diesbezüglich für Ihre Gesundheit?

AB: Na ja, die körperliche Anstrengung beim Schreiben hält sich in überschaubaren Grenzen, aber ich denke, viele Leute unterschätzen das Ausmaß an geistiger Arbeit, die in einem Roman steckt, die Menge und Intensität des Nachdenkens, die ein guter Roman erfordert. Das kann wirklich sehr, sehr anstrengend sein. Als Ausgleich laufe ich seit vielen Jahren jeden Tag mindestens eine Stunde, wobei das Wetter eine sehr untergeordnete Rolle spielt – es wird gelaufen, und es spielt keine Rolle, ob es regnet oder schneit. Beim Laufen, wenn der Körper arbeitet und die Gedanken freie Bahn haben, kommen mir oft die besten Ideen.

MK: Ich danke Ihnen für das Interview!

AB: Gern geschehen.

Hier könnt ihr mehr über den Autor erfahren:
Web: https://andreasbrandhorst.de/
Facebook: https://www.facebook.com/andreas.brandhorst.autor

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3 Antworten zu Interview mit Andreas Brandhorst

  1. t.sebesta schreibt:

    Hat dies auf Treffpunkt Phantastik rebloggt und kommentierte:
    „… Ein Leser hat mir einmal geschrieben, ich hätte seine Denkweise verändert. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich hatte das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. …“

  2. Pingback: Noch ein Interview - Andreas Brandhorst

  3. Pingback: Buch: Brandhorst, Andreas – Das Arkonadia-Rätsel. Zweites Abenteuer im Omniversum | Meine Kritiken

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