Interview mit James A. Sullivan (Fantasy und Science Fiction Schriftsteller)

James A. Sullivan, geboren 1974 in West Point (Highlands, New York) und aufgewachsen in Kerpen (Rheinland), ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Fantasy- und mittlerweile auch Science Fiction-Schriftsteller unserer Zeit. 2004 veröffentlichte er gemeinsam mit Bernhard Hennen den Bestseller Die Elfen. Daraufhin folgten weitere Fantasy-Romane und 2016 schließlich sein erster Science Fiction-Roman Chrysaor und 2017 Die Granden von Pandaros.
Glücklicherweise ergab sich die wunderbare Gelegenheit, dieses Interview zu führen. Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Meine Kritiken: Guten Tag Herr Sullivan! Sie zählen zu den bekanntesten deutschsprachigen Fantasy-Autoren, sind aber mittlerweile auf Science-Fiction umgestiegen. Worin lag für Sie die Faszination im Fantasy-Genre aktiv zu werden und was hat Sie dazu bewogen, auf Science-Fiction umzusatteln?

James A. Sullivan: Meine Kindheit war voller Fantasy und Science Fiction. Am Anfang waren es natürlich Märchen und Sagen; im Fernsehen durfte ich Captain Future und die Wiederholungen von Flash Gordon und Star Trek schauen. Bei Filmen war es vor allem Star Wars, das meine Kindheit geprägt hat. Und die Zeichentrickversion von Tolkiens Der Herr der Ringe hat mich sofort gepackt und zu einem Fantasy-Fan gemacht. Da war ich neun oder zehn. Natürlich fand ich irgendwann heraus, dass der Film, der mitten in der Handlung abbrach, auf einem Roman basiert, und so führte mich mein Weg zu Tolkien. An Lesestoff kam ich am Anfang aber vor allem über den Vater eines Freundes. Er las Fantasy und Science Fiction und schenkte mir stapelweise Bücher, die er ausgelesen hatte. Da fand ich u. a. von Roger Zelazny den Fantasy-Roman Sieben Statuen (Teil zwei des Romans Wechselbalg), Andre Nortons Verfemte des Alls und von Samuel R. Delany Sklaven der Flamme (Teil eins der Toromon-Trilogie). Bei Zelazny führte mich der Weg von dem Fantasy-Roman zu seinen Science-Fiction-Romanen, Andre Norton verlor ich ein bisschen aus den Augen, und die Spur von Delany nahm ich erst wieder auf, nachdem ich Alfred Bester, William Gibson, Philip K. Dick gelesen hatte.
Die Faszination der Fantasy und der Science Fiction hätte ich damals gar nicht erklären können. Ich mochte es einfach. Inzwischen gehe ich davon aus, dass ich die Phantastik allgemein (also: die Fantasy, die Science Fiction & den übernatürlichen Horror) deswegen so schätze, weil sie unsere Welt nicht direkt auf eine fiktive Welt abbildet, sondern indirekt auf eine verfremdete Erzählwelt. Das führt dazu, dass wir uns im Fremden wiedererkennen. Die Phantastik ist ungeheuer offen für Interpretationen, und als Rezipient fand ich das schon immer reizvoll, und auch als Schriftsteller finde ich es spannend, etwas zu schaffen, das von verschiedenen Menschen bereits im Ansatz völlig unterschiedlich gelesen wird.
Aktiv wurde ich in der Fantasy, weil ich wie viele Autoren, die in den 60ern und 70ern geboren wurden, Fantasy-Rollenspiele gespielt habe (vor allem Das Schwarze Auge). Es fing damit an, dass ich eigene Rollenspielszenarien und Hintergrundmaterial schrieb. Das führte dann über das Verfassen von Erzählungen allmählich zum Schreiben von Romanen.
Zuerst einmal war ich also ein Fantasy-Autor, verarbeitete aber immer wieder Science-Fiction-Elemente. Zum Beispiel spielen in Die Elfen, die ich gemeinsam mit Bernhard Hennen geschrieben habe, Zeitreisen eine wichtige Rolle, und bei Nuramon war ich u. a. von der Erzählweise von Science-Fiction-Werken beeinflusst. Die Idee, einen Science-Fiction-Roman zu schreiben, trug ich jahrelang mit mir herum, wagte es aber zunächst nicht, mich darauf einzulassen. Nachdem Nuramon erschienen war, arbeitete ich eigentlich an einem weiteren Fantasy-Roman, als die alte Science-Fiction-Idee reifte und ich binnen kürzester Zeit so viele Notizen machte und so begeistert war, dass ich mich eigentlich ans Werk hätte machen können. Aber ich wollte den Fantasy-Roman nicht zurückstellen und ich hatte auch ein wenig Angst, einfach so das Subgenre zu wechseln. Dann aber fragte mich mein Literaturagent völlig unvermittelt, ob ich nicht einen Science-Fiction-Roman hätte. Ich nahm das als Herausforderung, meine Science-Fiction-Idee zu verfolgen. So machte ich mich an die Arbeit an Chrysaor und bin froh, mich darauf eingelassen zu haben. Meine Hinwendung zur Science Fiction sehe ich aber nicht als einen endgültigen Wechsel, sondern eher als eine Abwechslung und eine Erweiterung meines Spektrums.

MK: Was gibt Ihnen den Inneren Antrieb zu schreiben?

JAS: Ich träume einfach gerne, und einen Roman zu schreiben ist im Grunde die Ausgestaltung eines riesengroßen Traumes, den man wieder und wieder träumen kann. Eine große Rolle spielt aber auch die Rezeption von Erzählwerken. Wenn ich ein gutes Buch lese, dann zeigt mir das, dass sich die Mühen des Schreibens lohnen können. Lese ich ein (meiner Meinung nach) schlechtes Buch, motiviert mich das, es anderes zu machen.

MK: Was darf beim Schreiben keinesfalls fehlen – abgesehen von Rechner, Schreibmaschine oder Stift?

JAS: Ein Getränk. Am liebsten Tee oder Kaffee. Ansonsten bin ich genügsam.

MK: Wer oder was hilft, wenn es mal schwierig wird, weiterzuschreiben?

JAS: Schlaf bewirkt bei mir Wunder. Schlafen und Tagträumen sind unterschätzte Disziplinen der kreativen Arbeit. Manche Dinge haben aber einfach einen hohen Schwierigkeitsgrad, und da braucht es Geduld, um sie auf den Punkt zu bringen. Aber das heißt nicht, dass ich mich festbeiße, bis ich eine schwierige Passage bewältigt habe. Ich lasse in solchen Situationen auch mal einen Text stehen, mit dem ich unglücklich bin, schreibe dann weiter und kehre später zurück, um mich noch einmal daran zu versuchen. Denn die Frage, ob ich ein Kapitel so hinbekomme, wie ich mir das vorstelle, soll nicht allein von meiner Tagesform abhängig sein. Oft ist es so, dass ich irgendwann den entscheidenden Einfall habe und dann zu der schwierigen Stelle zurückkehre und das Problem löse. Echte Schreibblockaden kenne ich eigentlich nicht, höchstens eine kreative Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag oder aber nach einem abgeschlossenen Roman. Da ist die Kreativität aufgebraucht, und ich nehme mir eine Pause.

MK: Lieber akkurat durchplanen oder erst mal drauflosschreiben?

JAS: Das hängt vom Projekt ab. Wenn ich gerade einen Roman schreibe und dann kommt eine andere Idee, stürze ich mich natürlich nicht direkt darauf, sondern mache wilde Notizen, recherchiere vielleicht ein bisschen und plane ein wenig. So kann ich mich später damit beschäftigen und verfüge dann über viel Material. In der Regel verfasse ich, nachdem ich mich für die Arbeit an einem Projekt entschieden habe, ein Exposé, das ich dann über meinen Agenten bei Verlagen einreiche. Ein Mindestmaß an Planung gibt es bei mir deswegen immer. Aber ich verspüre grundsätzlich den Drang, eine schnelle erste Fassung zu schreiben. Da ich mit der Gabe gesegnet oder aber dem Fluch belastet bin, meine Texte wieder und wieder lesen zu können, ohne zu ermüden, und mich zudem nicht vor dem Umschreiben fürchte, kann ich mit dem Wissen des letzten Durchgangs den neuen recht gut prägen. Ganz im Sinne des hermeneutischen Zirkels verstehe ich meinen eigenen Text besser, nachdem ich eine Rohfassung geschrieben habe. Ich erfahre so, an welchen Stellen ich noch recherchieren und arbeiten muss. Und mit jedem Durchgang komme ich – so hoffe ich – dem näher, was ich erreichen will.

MK: Wer ist Ihr erster Leser?

JAS: Meine Frau – Heike. Allerdings lasse ich sie oft lange warten, damit der Text, den sie bekommt, nicht zu roh ist. Aber auf sie kann ich mich verlassen. Sie weiß im Vorfeld schon genau, was ich mache, und ist dann immer gespannt darauf, was aus meinen Plänen geworden ist. Sie sagt mir sehr genau, wenn ihr etwas nicht passt, macht mir aber auch Mut, wenn ich hier und da zweifle. Und beides gibt mir Sicherheit. Im Grunde bin ich erst dann zufrieden, wenn sie zufrieden ist.

MK: Worin liegt für Sie der größte Unterschied beim Schreiben zwischen Fantasy und Science-Fiction? Hatten Sie Probleme beim Genre-Wechsel?

JAS: Ich fand den Wechsel weit weniger schwierig als erwartet. Es werden zwar zwischen den Geschwistergenres oft die Unterschiede hervorgehoben, aber ich finde, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen. Ich betrachte die Fantasy und die Science Fiction als zwei Wege durch dieselbe Landschaft. Der größte Unterschied liegt bei mir in dem Bezug zur Realität. Bei meinen Science-Fiction-Romanen konnte ich leicht auf historische Personen verweisen, ohne einen Zwischenschritt einzulegen. Bei Chrysaor verweise ich zum Beispiel auf die wichtigen Personen der Computergeschichte in den 1970ern. Was ich nicht ohnehin wusste, konnte ich einfach nachschlagen. Bei Nuramon diente mir diese Zeit u. a. auch als Referenzpunkt im Bezug auf die Magie, die einige Menschen im Roman erlernen. Das ist beinahe unsichtbar, und kaum jemand wird diesen Bezug herstellen. Durch die verfremdende Abbildung öffne ich die Welt aber für Interpretationen. Statt auf die Technik der 1970er Jahre könnten die Leser es ebenso auf die Erfinder des 19. Jahrhunderts beziehen oder aber auf unsere heutige Zeit. Diese Tendenz zur Offenheit mag ich an der Fantasy, aber sie ist Segen und Fluch zugleich. Wenn ich in der Science Fiction über die Technik der 1970er Jahre spreche, ist völlig klar, was ich meine, und die Verfremdung entsteht dadurch, dass ich zeige, wie die Figuren in einer fiktiven Zukunft diese Zeit für sich und die Gesellschaft einordnen. Aber auch hier liegt eine Gefahr. Denn der direkte Bezug zur Realität in Verknüpfung mit einer fiktiven Zukunft führt schnell dazu, dass man als Leser einen SF-Roman als obsolet betrachtet. Und die Frage ist dann, ob man ihn dennoch lesen kann. Wenn ich heute etwa The Enchantress of Venus von Leigh Brackett in die Hand nehme, weiß ich, dass die Handlung nicht auf der Venus spielen kann. Aber die Geschichte ist ein buntes Abenteuer und lässt sich leicht als Fantasy lesen. Bei John Brunners Stand on Zanzibar, das im Jahr 2010 spielt, wird das vielen Lesern schwerer fallen. Ich lese auch das beinahe wie einen Fantasy-Roman oder besser noch wie eine Alternate History. Irgendwann kann es aber sein, dass ich über so viele obsolete Dinge hinwegsehen muss, dass ich keinen Bezug mehr zu Erzählwelt aufbauen kann.
Welcher Weg nun besser ist, möchte ich gar nicht allgemein entscheiden. Ich würde es vom jeweiligen Projekt abhängig machen.

MK: Ihr letzter Roman heißt Die Granden von Pandaros und spielt im selben Universum wie Chrysaor. Jedoch habe ich an keiner Stelle einen entsprechenden Vermerk gefunden, sondern bin beim Lesen selbst draufgekommen. Woran liegt das?

JAS: Es gibt am Anfang des Romans ein Zitat, das der KI Chrysaor zugeschrieben wird. Das ist der deutlichste Hinweis, dass die beiden Romane im selben Universum spielen. Mir war wichtig, dass die Leser sowohl mit Chrysaor als auch mit Die Granden von Pandaros in die Erzählwelt einsteigen können. Liest man zuerst Chrysaor, ist man mit einer Welt konfrontiert, die ihr goldenes Zeitalter hinter sich hat. Kommt man dann zu Die Granden von Pandaros, erlebt man dieses Goldene Zeitalter und stellt fest, dass die Leute überhaupt keine Ahnung haben, dass sie in diesem großen Zeitalter leben. Die Künstlichen Intelligenzen existieren beinahe in einer Parallelgesellschaft und alles scheint wie von selbst zu laufen. Liest man aber zuerst Die Granden von Pandaros und kommt dann zu Chrysaor wird man wahrscheinlich erschüttert sein, dass die Menschheit das Goldene Zeitalter, in dem Cosima Amberson, John Glennscaul und all die anderen leben, einfach verspielt hat. Das fand ich reizvoll und habe es dann dementsprechend umgesetzt.

MK: Arbeiten Sie bereits am nächsten Science-Fiction-Roman? Vielleicht sogar wieder im selben Universum? Könnten Sie uns vielleicht ein paar Hinweise geben, was uns erwartet?

JAS: Ja, ich arbeite gerade an einem weiteren Science-Fiction-Roman. Diesmal spielt die Geschichte allerdings nicht im selben Universum. Das hat damit zu tun, dass die Handlung nicht zu dem Geschichtsverlauf passt, den ich in Chrysaor und Die Granden von Pandaros aufgebaut habe. Viele Hinweise auf den Inhalt möchte ich aber noch nicht geben. Nur so viel: Es ist eher dystopisch, spielt lange nach einer Alien-Invasion in einer isolierten Großstadt, und KIs werden wieder eine Rolle spielen.

MK: Ihre beiden Romane spielen zwar im selben Universum, haben aber nichts miteinander zu tun. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Und gab es diesbezüglich Schwierigkeiten beim Schreiben des zweiten Buches?

JAS: Ich denke oft über solche Dinge nach, und wünschte mir als Leser, Autoren würden das viel öfter machen: einfach einen Einzelband in der bereits etablierten Erzählwelt machen. Bei Die Granden von Pandaros war das möglich und so konnte ich eine andere Phase der Geschichte dieser Erzählwelt zeigen. Da es passte, war das kein Problem, sondern vielmehr ein Vergnügen. Allein schon die ganzen Querverweise zwischen den Romanen haben mir als Autor Freude bereitet. Zum Beispiel ist Cosimas Nachname – Amberson – auch der Name des Schiffs von Valmas aus Chrysaor. Wer jetzt zuerst Die Granden von Pandaros liest und dann Chrysaor wird den Schiffsnamen als Anspielung auf die große Cosima Amberson verstehen. Innerhalb der Erzählwelt ist das sogar richtig, aber der Entstehungsprozess ist genau umgekehrt verlaufen. Da für mich weniger die Intention von Autoren interessant ist, sondern vielmehr die Interpretationsmöglichkeiten der Leser, reizen mich solche Dinge.

MK: Was war zuerst da – die Story oder eine Figur aus dem Buch?

JAS: Bei Die Granden von Pandaros waren Cosima und John zuerst da. Während ich an Chrysaor arbeitete, hatte ich die Idee, einen Roman über die verfeindeten Granden zweier Schattenkonzerne (die Bosse von Verbrecherorganisationen) zu schreiben, und daraus wurden dann Cosima und John. Allerdings verknüpfte ich es mit einer anderen Idee: dass Gestrandete gerettet werden, dann zum Sündenbock für ein Verbrechen herhalten sollen und schließlich fliehen, nachdem ihnen alles über Kopf gewachsen ist.

MK: Wie würden Sie die beiden Hauptcharaktere aus Die Granden von Pandaros beschreiben?

JAS: Die kurze Version: Cosima Amberson agiert; John Glennscaul reagiert. Die ausführliche Version: Cosima und John sind die Granden zweier verfeindeter Schattenkonzerne. Sie sind zusammen aufgestiegen und haben sich teilweise sogar gegenseitig dabei geholfen. Dann aber haben die Zwänge ihrer Verbrecherorganisationen sie zu Feinden werden lassen. Ihre gemeinsamen Ziele, die sie einst formulierten, sind nicht vergessen. Auf diesem gemeinsamen Hintergrund entfalten sich zwei extrem unterschiedliche Persönlichkeiten. Da John ein miserabler Lügner ist, der diese Schwäche zu seiner Tugend gemacht hat, lasse ich ihn am besten selbst zu Wort kommen. Über sich sagt er im Roman einmal: „Ausweichen und Dinge mit Ironie überspielen – das kann ich gut. Aber ansonsten bin ich ein mieser Lügner. Das heißt, in den entscheidenden Situationen bin ich absolut offen. Das ist dann kein Spiel. In meinem Geschäft rechnet jeder damit, dass du unehrlich bist. Und sie sind nicht im Mindesten darauf vorbereitet, dass du ehrlich bist. Sie glauben immer, da verberge sich etwas. Und wenn sie merken, dass da nichts ist, gehen sie immer noch nicht davon aus, dass du ehrlich warst, sondern vermuten eine noch viel verschlagenere Absicht. Und wenn du dann schweigst und grinst, halten sie dich beinahe für ein Genie.“ Und natürlich hält er sich selbst für alles andere als ein Genie. Was Cosima angeht, zeigt der folgende kurze Auszug aus dem Roman nicht nur, wie John Cosima sieht, er zeigt auch, wie die beiden miteinander umgehen:

„Du bist eine starke Frau.“
Cosima staunte. „Starke Frau? Echt? Hast du das wirklich gesagt?“
„Habe ich.“
„Starke Frau wie in ‚Wenn es um nichts geht, ungeheuer kompetent, aber wenn es um etwas geht, kann jeder Kerl sie austricksen, ihr eine verpassen und in Schwierigkeiten bringen’? Eine Frau, die mit zwei Pistolen vor den üppigen – natürlich üppigen! – Brüsten herumspringt und für die alles unter einem dreifachen Salto oder einer vierfachen Schraube würdelos ist? Eine solche Frau?“
„Du guckst zu viele uranosische Filme.“
„Zugegeben.“
„Wenn ich starke Frau sage, meine ich eher die aus den Filmen von Cristina Miskell oder aus den Büchern von Tashina Greenemay. Bodenständige Frauen, die beinahe verzweifeln, dass sie wieder einmal die Kämpfe der Vergangenheit ausfechten müssen. Individualistinnen, die sich nicht vereinnahmen lassen, die offen für Veränderungen sind. Die auf der Suche sind, die experimentieren und keine Scheu davor haben, neue Standpunkte einzunehmen, wenn diese ihren Zielen dienen; die sich eingestehen können, dass sie falschliegen, aber wenn sie glauben, dass sie richtigliegen, um nichts im Universum aufgeben.“
„So siehst du mich? Wie eine Heldin aus dem Argolis-System?“
„Warum nicht?“
„Weil ich eine Verbrecherin bin, John.“

So sind Cosima und John. Ständig verhandeln sie miteinander; ständig sticheln und reizen sie einander.

MK: Ein wichtiges Thema in Ihren Science-Fiction-Romanen sind Künstliche Intelligenzen. Wie betrachten Sie die reale Entwicklung in unserer Gegenwart? Eher skeptisch oder optimistisch? Und inwiefern recherchieren Sie diesen Bereich für Ihre Romane?

JAS: Auf der Basis dessen, was ich bereits aus meinem Kontakt zur Informatik und zur Linguistik wusste, habe ich mich mit der Literatur, die es zu dem Thema gibt, beschäftigt. Dabei haben mich die Posthumanisten mit ihrem Optimismus abgeschreckt und ich fand zum Beispiel Nick Bostroms Ansatz über die Probleme einer Superintelligenten Künstlichen Intelligenz viel plausibler. Aber letztlich sehe ich es so: Bei all den Abstraktionsebenen, die nötig sind, um eine echte, eine allgemeine KI zu erreichen, können wir nur sehr schlecht Aussagen treffen, wie wir sie uns wirklich vorstellen müssen. Wir stehen noch völlig am Anfang der Forschung und müssten erst einmal mit Dingen wie Konzeptmetaphern und Skalierbarkeit auf einen grünen Zweig kommen. Erst dann würde ich meine Skepsis ablegen.
Für mich geht es aber gar nicht so sehr darum, ob wir je eine echte KI haben werden, die uns dann die technische Singularität beschert. Mir geht es in dem Punkt nicht einmal so sehr um die Zukunft, sondern um unsere Zeit. Eigentlich sind wir technisch so weit fortgeschritten, dass wir uns längst fragen könnten und sollten, was wir mit dem, was wir uns mühsam erarbeitet haben, anfangen sollen, und dass wir uns eben nicht die üblichen Fragen stellen: Wo liegt der nächste Fortschritt? Was ist das nächste große Ding?
In der Science Fiction lässt sich unser technischer Stand durch die Projektion in die Zukunft auf die Spitze treiben. Wenn es zum Beispiel die technische Singularität gäbe, würde es nicht mehr darum gehen, was als nächstes kommt. Es würde so viel auf uns einprasseln, dass wir der Entwicklung nicht mehr hinterherkommen könnten. Das Gefühl kennen wir heute schon. All das, was durch die Projektion in eine fiktive Zukunft sichtbar wird, ist in unserer Zeit angelegt, und statt uns zu fragen, was als nächstes kommt, könnten wir heute schon anfangen, in uns zu gehen und uns zu fragen, worum es uns grundsätzlich im Leben geht und was wir dementsprechend von der Wissenschaft und der Gesellschaft erwarten.
Das heißt, für mich handelt Science Fiction nicht so sehr von einer möglichen Zukunft, sondern eher von unserer Gegenwart – oder besser noch: von der Gegenwart der jeweiligen Leser. Samuel R. Delany hat das einmal sehr schön formuliert: „Science Fiction is not about the future; it uses the future as a narrative convention to present significant distortions of the present.“

MK: Was haben Sie bei der Arbeit an diesen beiden Science-Fiction-Romanen gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten?

JAS: Mir war vorher nicht klar, wie verdammt groß eine rotierende Raumstation sein müsste, damit man sich darin vernünftig bewegen kann.

MK: Was ist Ihnen wichtig, dass die Leser bei Ihren Romanen mitnehmen? Auf was legen Sie beim Schreiben besonders viel wert?

JAS: Mir ist erst einmal wichtig, in einer klaren Sprache zu schreiben und die komplexeren Dinge unter die Oberfläche zu legen. Jemand, der zum Beispiel Chrysaor liest, kann es als unterhaltsames Space-Abenteuer lesen, aber jemand, der sich zum Beispiel mit der griechischen Mythologie oder der mittelalterlicher Epik auskennt oder für deren Motive und Strukturen empfänglich ist, würde vermutlich weitere Ebenen ausmachen können. Generell gehe ich davon aus, dass Leser, wenn sie für das, was ich mache, empfänglich sind, die Erzählwelt auf ihre Lebenswirklichkeit beziehen. Dabei bin ich mir bewusst, dass die Leser sehr unterschiedliches aus dem Text herausinterpretieren können. Mit diesem Bewusstsein schreibe ich bereits. Es geht mir nicht darum, irgendeine Intention rüberzubringen, sondern eher darum, mir vorzustellen, welche möglichen Lesarten dieses oder jenes im Text haben könnte (Stichwort: Rezeptionsästhetik). Ich sehe etwas Konkretes in meinem Leben und bilde es verfremdet auf eine Erzählwelt ab und öffne es so für andere, die vielleicht etwas komplett anderes darin sehen. Und alleine schon diese Vorstellung finde ich ungeheuer reizvoll.

MK: Ich bin total begeistert davon, dass der PIPER-Verlag in seinem noch jungen Science-Fiction-Programm deutschsprachige Autoren fördert. Wie kam es, dass Sie Teil von dieser Gruppe wurden?

JAS: Nachdem mein Agent mich fragte, ob ich nicht einen Science-Fiction-Roman hätte und ich das als Gelegenheit nutzte, mich auf Chrysaor zu stürzen, bot er den Stoff den Verlagen an. Und ich erinnere mich noch, dass ich 2014 zur Frankfurter Buchmesse sollte, um gemeinsam mit Bernhard Hennen unsere Lektorin von AmazonCrossing zu treffen, die die englischsprachige Ausgabe von Die Elfen betreute. Ich war schon ganz aufgeregt, da rief mich einen Tag vor dem Treffen mein Agent an. Und wenn der Agent von der Buchmesse aus anruft, kommen in der Regel sehr gute Nachrichten. Da erfuhr ich vom Science-Fiction-Programm, das Piper plante, und dass der Programmchef Carsten Polzin Chrysaor für die Reihe haben wollte. Von da an war ich bei Piper. Und weil ihnen Chrysaor gefiel, erhielt ich weitere Verträge und stellte fest, dass ich u. a. mit Andreas Brandhorst und Robert Corvus in guter und abwechslungsreicher Gesellschaft war. Piper war ja schon vorher in der Fantasy ein guter Platz für deutschsprachige Autoren. Dass man das auch auf die Science Fiction übertragen hat, finde ich wichtig, und ich bin froh ein Teil davon zu sein.

MK: Welche Tipps würden Sie jungen Autoren geben, die ebenfalls in einem der beiden Genres Fantasy oder Science-Fiction aktiv werden wollen?

JAS: Verliert euch nicht im World Building und in Recherchen. Beides ist wichtig und unersetzlich, aber vergesst darüber das Schreiben nicht. Die Versuchung ist groß, viel Zeit auf die Vorbereitung des Schreibens zu verwenden, und so das eigentliche Schreiben hinauszuzögern. Man arbeitet ja schließlich. Mein Vorschlag lautet: Ganz egal, in welcher Phase des Projektes ihr euch befindet: Schreibt jeden Tag echten Erzähltext. Und wenn es nur einige Zeilen sind. Es ist wichtig, um den Kontakt zum Schreiben nicht zu verlieren. Ansonsten gilt für die Fantasy und die Science Fiction das, was für alle Genres gilt: viel Schreiben, viel Lesen – und das Tagträumen nicht vergessen.

MK: Die Werke von Autoren sind meistens von den eigenen Erfahrungen und Lebensumständen geprägt. Sie sind in den USA geboren, wuchsen aber in Deutschland auf, sind also zweisprachig. Versuchen Sie diese Eigenschaft beim Schreiben auszunutzen oder ist es eher manchmal ein Hindernis?

JAS: Was das Sprachliche angeht, kann ich das gar nicht so genau sagen. Denn die deutschsprachige Fantasy und Science Fiction ist ganz klar von der englischsprachigen Literatur geprägt. Meine Erfahrungen als US-Amerikaner, der in Deutschland aufgewachsen ist, haben mich aber ganz allgemein geprägt und beeinflussen natürlich auch meine Romane. Dabei zeigt sich ganz gut, warum ich die Fantasy und die Science Fiction so sehr schätze. Die Phantastik als Ganzes lädt dazu ein, mich im Fremden zu erkennen – und zwar nicht nur in dem, was mir fremd ist, sondern in dem, was uns allen fremd ist. Das Genre räumt den Rezipienten viele Möglichkeiten ein, das Gelesene auf sich selbst zu beziehen. Als Autor sehe ich das noch deutlicher. Zum Beispiel haben sich meine Fremdheitserfahrungen, als schwarzer Amerikaner hier in Deutschland aufzuwachsen, auf Figuren wie Nuramon aus Die Elfen ausgewirkt. Und hier kommt die Magie der Phantastischen Literatur ins Spiel: Ich hätte meine Fremdheitserfahrungen ja auch in einem realistischen Roman ausdrücken und sie so direkt sichtbar machen können. In einem Fantasy-Roman aber kann ich meine Fremdheitserfahrungen auf eine Figur abbilden, die uns allen fremd ist, die aber dazu einlädt, sich selbst in ihr zu sehen. Und plötzlich geht es nicht mehr um meine Fremdheitsgefühle, sondern vielleicht um die eines 14-jährigen Lesers, dem die Welt der Erwachsenen suspekt ist oder aber um die einer 70-Jährigen, die sich in dieser Zeit nicht mehr heimisch fühlt, weil die Welt, wie sie sie kannte, vorübergezogen ist. All das lässt sich mit einem Mal aus dem Text herauslesen. Darin besteht für mich die Magie der Phantastischen Literatur.

MK: Ihre erste Veröffentlichung war in Zusammenarbeit mit Bernhard Hennen. Wie sehr und inwiefern hat diese Kooperation Ihren Schreibstil und Ihre Weltsicht geprägt?

JAS: Bernhard war in den 1990ern und frühen 2000ern mein Mentor. Er hat meine Sicht auf die Welt der Schriftstellerei geprägt. Von ihm habe ich gelernt, wie das Geschäft funktioniert: vom Verfassen eines Exposés bis hin zum Entstehungsprozess eines Buches. Aber was das Schreiben selbst angeht, sind wir zwei sehr unterschiedliche Autoren. Bernhard ist für mich der Meister der Details, und das bin ich definitiv nicht. Ich würde das, was ich mache, eher als vielschichtigen Minimalismus bezeichnen. An der Oberfläche mache ich gar nicht so viel, arbeite aber viel mit Motiven und Strukturen und hoffe so, an der Oberfläche viele Details loswerden zu können. Bei Die Elfen haben sich unsere Stile hervorragend ergänzt. Und mir hat die Arbeit an dem Roman und das Ergebnis Mut gemacht. Ich wusste damals nämlich nicht, ob eine Karriere als Profi-Schriftsteller überhaupt etwas für mich ist. Die Elfen waren der Test, und nun arbeite ich seit 15 Jahren als Schriftsteller und bereue die Entscheidung nicht.

MK: Mit dem Roman Nuramon kehrten Sie ins Elfen-Universum zurück. Gibt es Pläne für weitere Ausflüge dorthin oder ist das Thema für Sie abgeschlossen?

JAS: Auch wenn es sicherlich den einen oder anderen reizvollen Stoff gibt, plane ich nicht, noch etwas in der Elfenwelt zu machen. Der Nuramon-Roman ist schon ein guter Abschluss. Aber wie Bernhard mir vor einer Ewigkeit einmal sagte: „Sag niemals nie“. Ich fühle mich der Welt der Elfen nach wie vor verbunden, würde aber anderen Fantasy-Stoffen, die mich schon seit langem umtreiben, den Vorzug geben.

MK: Was lesen Sie denn eigentlich selbst gerne? Haben Sie ein Lieblingsbuch?

JAS: Ich lese natürlich gerne Phantastik im weitesten Sinne, gehe aber auch darüber hinaus. Bücher, zu denen ich immer wieder zurückkehre sind neben den Werken von J. R. R. Tolkien, Lord Dunsany und Roger Zelazny u. a. : The Fall of the Towers von Samuel R. Delany, The Demolished Man und The Stars My Destination von Alfred Bester und Alyx von Joanna Russ. Wenn ich aber ein einziges Lieblingsbuch auswählen müsste, wäre es Parzival von Wolfram von Eschenbach. Dieses Werk hat mich all die Jahre begleitet und mich immer wieder inspiriert. Die Elfen und Nuramon wären ohne dieses mittelalterliche Epos für mich nicht denkbar gewesen. Und auch auf meine Science-Fiction-Romane hat sich das Buch ausgewirkt. Bei Chrysaor extrem stark (der unerfahrene Held, Verwandtschaft, Erlösung, usw.), bei Die Granden von Pandaros eher unterschwellig und punktuell (vgl. zum Beispiel Cosima mit Orgeluse und John mit Gawan). Meiner Einschätzung nach war Wolfram von Eschenbach seiner Zeit als Erzähler weit voraus, und ich habe von ihm mehr über Weltenbau, indirektes Erzählen und Erzählebenen gelernt als von jedem anderen Autor. Wenn ich also ein Buch auswählen müsste, dann wäre es Parzival.

MK: Wie viel schreiben Sie pro Tag? Und passiert es Ihnen auch manchmal, dass Sie hunderte von Seiten geschrieben haben und dann alles wieder verwerfen?

JAS: Ich schaffe etwa zehn Seiten Rohfassung pro Tag, die ich dann später in mehreren Durchgängen überarbeite. Was das Verwerfen von größeren Passagen des Romans angeht, passiert mir das so gut wie nie. Wenn ich merke, dass etwas anders laufen sollte, schreibe ich von dem Punkt an so weiter, als wäre der bisherige Text bereits geändert, und bei der Überarbeitung ändere ich dann alles, was nötig ist. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel ich von dem, was ich verwerfe, dann doch an anderer Stelle wieder verwenden kann.

MK: Was machen Sie als Ausgleich zum Schreiben? Wie aktivieren Sie Ihre kreative Ader?

JAS: Ich bin ein absoluter Stubenhocker und rezipiere alles, was in irgendeiner Weise mit Erzählen zu tun hat. Ich höre auch gerne Musik und lasse mich davon begleiten und inspirieren. Aber meine kreative Ader wird vor allem von meiner Familie genährt. Meine Frau und ich haben zwei Töchter, und die beiden sind eine unendliche Quelle der Kreativität und bieten mir generell immer wieder einen komplett anderen Blick auf die Realität, und sie erinnern mich an meine Kindheit und lassen mich Dinge wiederentdecken, die ich vergessen hatte.

MK: Wenn Ihnen ein Flaschengeist ermöglichen würde, einen Tag irgendwohin zu reisen, egal wohin (auch eine Zeitreise wäre möglich), was würden Sie sich dann wünschen und warum?

JAS: Da ich schon Parzival als mein Lieblingsbuch angegeben habe, würde ich den Flaschengeist bitten, mich am Anfang des 13. Jahrhunderts zu dem Ort zu bringen, an dem Wolfram von Eschenbach sich zu der Zeit aufhält. Unter dem Namen Kyot würde ich mit Wolfram über Chrétien de Troyes, König Artus und das Erzählen sprechen und ihn zu seinem Leben ausfragen. Und ich würde ein Zeitparadox auslösen, indem ich ihm schamlos erzähle, dass sein Name 800 Jahre später immer noch bekannt ist und seine Werke von den Gelehrten studiert werden, ohne dass man näheres über ihn weiß. Natürlich müsste ich, ehe ich eine solche Reise antrete, mein Mittelhochdeutsch ein wenig auffrischen. Und ich müsste unbedingt mit dem Flaschengeist aushandeln, dass ich bitteschön unbeschadet von dieser Zeitreise in unsere Zeit zurückkehren kann, ohne hier alles verändert vorzufinden.

MK: Ich danke Ihnen für das Interview und das Schlusswort gehört Ihnen.

JAS: Vielen Dank für die Fragen. Es war mir ein Vergnügen, sie zu beantworten. Und alles Gute für den Blog!

Hier könnt ihr mehr über den Autor erfahren: www.jamessullivan.de

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