Gedankensprung: Klassiker des klassischen wegens

Das musst du lesen, den musst du schauen, das ist ein Klassiker!
Ich habe in meiner Schulzeit das Wort „Klassiker“ zu hassen gelernt. Nur, weil irgendein Buch aus irgendeinem Grund diesen Stempel draufgedrückt bekommen hat, müssen wir es lesen. Das gleiche gilt für Filme und Spiele. Aber auch das Modalverb „müssen“ steigt mir in diesem Kontext immer wieder sauer auf. Ich verstehe irgendwie die Argumente: Oh, das war ein Meilenstein der Literaturgeschichte, der Film war seiner Zeit weit voraus, das Spiel hat neue Prinzipien eingeführt; Als Gourmet solcher Dinge solltest du auch die Anfänge kennen. Du muss wissen, woher du kommst. Oder noch besser: Der Inhalt ist sehr wichtig für deine geistige und intellektuelle Entwicklung.
Ja, es passiert schon oft, dass ich mir einen Klassiker gönne und dann großen Gefallen daran finde, denn sie werden ja nicht ohne Grund Klassiker. Es passiert mir aber genauso oft, dass mir dieser Klassiker überhaupt nicht gefällt und mir sogar die Motivation raubt, einen weiteren zu probieren. Das liegt halt daran, dass das Wort „Klassiker“ bereits inflationär verwendet wird und in seinem ursprünglichen Sinne obsolet geworden ist, genauso wie die Worte „Besteller“ oder „Blockbuster“. Wenn mir heute jemand irgendwas als „Klassiker“ präsentiert, oder sogar noch als „moderner Klassiker“, dann kann ich damit herzlich wenig anfangen. Und beginnen tut das in der Schule, wo man zu einer bestimmten Lektüre gezwungen wird, mit der Begründung, dass es ein „Klassiker“ sei und zur „Allgemeinbildung“ dazugehöre.
Das weitere Problem liegt aber auch darin, dass jeder etwas anderes als „Klassiker“ betrachtet. Wenn ein Anime-Neuling etwa fragen sollte, welche Serien denn „Klassiker“ seien, die man kennen sollte, dann wird er von jedem Befragten eine unterschiedliche Antwort erhalten. Und welches Stück von Shakespeare in Ausschnitten gelesen wird, entscheidet auch jeder Englisch-Lehrer individuell nach seinem Geschmack und seinem universitären Hintergrund.
Nehmen wir etwa Goethes Faust: Das Werk erschien, war ein voller Erfolg, die Leute haben Sätze davon als Redewendungen übernommen und haben den Text immer wieder adaptiert. Der Text hatte ordentlich Einfluss auf die deutsche Sprache, keine Frage. Irgendwann hat dann ein Literaturhistoriker es als bedeutendes Werk deklariert, wodurch es Teil des Literaturgeschichte-Kanons in der Schule wurde, was dazu führte, dass über 100 Jahre später Schüler etwas lesen müssen, mit dem sie nichts anfangen können, das sie einfach nur frustriert und ihre Abneigung gegen Literatur noch verhärtet.
Nun gut, ich will nicht lange über das in meinen Augen schlechte Schulsystem sprechen. Es geht mir nur darum, den Begriff „Klassiker“ von seinem Podest zu holen. Denn ich habe schon längst den Punkt erreicht, wo dieses Wort von mir komplett ignoriert wird.

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